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motorRedaktion und motorFoto bieten Texte und Bilder zu Mobilitätsthemen aus einer Hand. Hier finden Sie Beispiele aktueller Artikel und Fotoreportagen. Als Motorjournalist sind wir im Verband der Motorjournalisten e.V. organisiert.


Das rote Gerät

 

Als Alexander 11 Jahre alt war, bekam er eine kleine Matchbox-Schachtel geschenkt. Was heut vielleicht aus der Zeit gefallen wirkt, war Anfang der 80er ziemlich normal - Jungs im Teenager-Alter spielten durchaus noch mit den kleinen, faszinierend echten Autos aus den englischen Streichholzschachteln. Ich gebe zu, das passiert mir heut noch, auf dem Schreibtisch, wenn die Muse mich gerade verlassen hat. Das der Inhalt aber Alex´ von Oktan vorbestimmtes Leben nachhaltig beeinflussen würde, konnte er damals noch nicht wissen – und umso nachvollziehbarer wird es, betrachtet man das Matchbox-Auto heute etwas genauer.

 

Der kleine rote Flitzer hatte zwei Türen, eine Heckklappe aus purem Glas, Kotflügelverbreiterungen, ein Targa-Dach und vor allem, und das beeindruckte schwer… Klappscheinwerfer! Auf der Haube prangte ein übergroßes Emblem mit einem Pferd – daneben – kein Ferrari Testarossa! Es war ein Porsche, aber nicht etwa aus Zuffenhausen, sondern aus Neckarsulm. Ein Porsche? Viel belächelt waren die Transaxle-Modelle, deren Motor Porsche-untypisch auf der Vorderachse und deren Getriebe getrennt vor der Hinterachse lagen. Die Baureihe 944 aber gilt nicht umsonst im Nachhinein betrachtet, als erfolgreichster Sportwagen seiner Zeit und ganz nebenbei sicherte er Porsche noch die Existenz.

Auf Basis des 924 Carrera entwickelt, sollte der 944 die Lücke zwischen dem kräftigsten 924 und dem 911 schließen. Die entwicklungsbedingt im 924 von Audi stammenden Herzen, wurden im 944 vom Start weg durch von Porsche entwickelte Motoren ersetzt und der Wagen bis hin zum 944 S2 und dem Produktionsende in 1991 konsequent im Detail verbessert. 

Alex hatte nur einen Ausdruck für seine Faszination –„Der rote Gerät!“ wobei seine Artikelschwäche ein Relikt seiner Ruhrpott-Kindheit scheint. Rund 35 Jahre später überholt ihn sein Traum links in seinen Erinnerungen. Der Plan steht – Alex braucht einen 944 in groß und findet nach einigen Umwegen seinen indischroten 944 turbo aus dem vorletzten Produktionsjahr. Der durch einen KKK Lader zwangsbeatmete 2,5l Vierzylinder, leistet 250PS. Ab 1987 spendiert man dem Wagen deshalb auch einen Tacho bis 300km/h und da Träume bekanntlich nie enden, wird der Turbolader überarbeitet, die Einspritzdüsen getauscht und eine neue Software programmiert. Mit der Höchstgeschwindigkeit von 292km/h laut Tacho ist es allerdings tückisch. Bei 270km/h springt schon mal das Targa-Dach durch den Unterdruck aus den hinteren Verankerungen, sodass der schnelle Fahrer vorbaut und dieses vor Fahrtantritt öffnet. So mancher 911er Pilot aber zieht seinen Hut und wechselt seine vorschnelle Schublade zum vermeintlich „unechten“ Porsche, wenn man sich nach einem heißen Autobahnritt auf der nächsten Tanke trifft. Ist der Turbo erstmal aus seinem Keller raus im Erdgeschoss angekommen, fühlt sich das Drehzahlband an, wie ein aufgezogener Expander. Lediglich bei Regen wird es etwas schlüpfrig auf der Hinterachse, wenn die Abgase das Turbinenrad beflügeln. Das nachträglich eingebaute KW-Gewindefahrwerk allerdings hält den Wagen zu jeder Zeit wie auf Schienen und der 944 lässt sich hervorragend kontrollieren.

Dass soviel Traumauto und echter Sportwagen auch noch 2+2 Sitze hat, eine Gasthaus Wette in den 80ern bewies, dass man 12 Kisten Bier transportieren kann ohne die Vordersitze zu nutzen und Sitzheizung, Klimaanlage, elektrische Fensterheber und ein Targa-Dach zur Ausstattung gehören, klingt fast schon nach eierlegender Wollmilchsau. Und so ist aus dem „roten Gerät“ ein treuer Alltagsbegleiter geworden, den Alex nicht mehr missen möchte. Nur das rote Matchbox hat er nie mehr wieder gefunden…     

 

 

Text Ulf Schulz / Fotos Ulf Schulz / Veröffentlicht auf oldtimerapp.com


Vom Suchen und Finden der Liebe

 

Ich hatte ewig nichts mehr von Cosima gehört, geschweige denn sie gesehen. Cosima ist Goldschmiedin und wie die meisten der Menschen die mich umgeben, gehört ihre Seele den Dingen die eine Geschichte zu erzählen haben. Sie fährt leidenschaftlich Motorrad – durch die knackigen Kurven Berlins gern mit einer Yamaha SR500 – Dinge anzutreten ist ihre Welt. So auch ihr Weltenbummler, ein kermitgrüner Mercedes MB100. Den tritt sie zwar nicht an, aber sie schraubt sich mit Hingabe auf ihren Touren durch ganz Europa – am liebsten durch die Bretagne – das eint uns neben dem Altblech. Und plötzlich meldet sie sich frankophil und schwer verliebt. Ein Foto, ein kleines weißes Auto und eine grinsende Cosima. Ihre neue Liebe heißt „Mathilda“, kommt gebürtig aus Frankreich, trägt stolz einen goldenen Löwen auf dem Kühlergrill und ist der Bezeichnung nach, eine Peugeot 204 Limousine. Diese Liebe begann wie heut öfter, im Internet - nicht auf einer dieser Dating-Plattformen, sondern auf eBay Kleinanzeigen. Vier Monate schmachtete sie das „Petite Voiture“ von 1975 an, dann war sie angeln und der Händler bei dem der Wagen stand, um die Ecke. Solch ein Auto zu besichtigen, ist wie Hundewelpen anschauen – eigentlich weiß man was kommt. Der Händler entpuppte sich als Edelkarossendealer – schwarze Limousinen von Mercedes, BMW und Co zierten den Hof. „Hier sind wir falsch“, dachte Cosima, bis sie in der hintersten Ecke ein kleines weißes Einhorn - ihre Mathilda entdeckte. Ihre männliche bessere Hälfte, von Berufung Karosseriebauer, schwang sich unters Auto und kam mit einem breiten Grinsen wieder hervor – perfekter Unterboden. Dazu der Lack und der Innenraum in tip-top Zustand. Nur das 1,1l große und knapp 49 pferdestarke Herz des kleinen Löwen wollte nicht so recht – kein Wunder, lief es doch ein ganzes Jahr nicht mehr. Ein Benzinkanister wurde zum Ersthelfer und die defekte Benzinpumpe und ein dreckiger Vergaser schnell die Diagnose. Cosima war wie ein Kind im Zuckerschock – Mathilda wollte gerettet werden und so feilschten alle um den besten Preis wie auf einem türkischen Basar und der Peugeot hatte im Handumdrehen ein neues zu Hause. Wie bei frisch verliebten, war in den ersten Nächten an Schlaf nicht zu denken. Bis morgens um drei wurde im Internet nach Teilen gesucht, alte Fahrzeugtests und Beschreibungen verschlungen und davon geträumt wie Cosima im Peugeot 204 über die Landstraßen gleitet, während im Radio Charles Aznavour sein herzzerreißendes „Emmenez-moi“ trällert. Nimm mich, schien auch der kleine Peugeot gesagt zu haben und so fanden zwei Seelenverwandte auf einem Gebrauchtwagenplatz die große Liebe. 

 

 

Text Ulf Schulz / Foto Cosima Hühnlein / Veröffentlicht auf oldtimerapp.com


Zu Besuch bei Ruch

Im letzten August bekam ich einen Anruf… „Komm schnell vorbei – wir besichtigen einen DTM Mustang“. Mein Gehirn schaltete wie das sequentielle Getriebe eines Rennwagens – das müssen die Ruch Brüder sein! Keine halbe Stunde später stand ich mit erwartungsvollem Blick vor dem Garagentor einer Gebäudetechnikfirma irgendwo im Berliner Wedding. Als sich das Tor öffnet grinsen mich neben einem verstaubten Mustang Fox Body aus 1994, Gerd und Jürgen Ruch an – verschmitzt wie in meinen Jugenderinnerungen von der AVUS. Mit weit aufgerissenen Augen schleiche ich um das Pony – der Fox Body hat viele Fans aber mindestens ebenso viele Verächter. In der DTM Version erliegt man allerdings in Bruchteilen von Sekunden seinem Charme. 25 Jahre ist es her, dass er das letzte Mal lief – mal eben starten – ausgeschlossen – solch eine Diva will sanft und aufwendig zum Leben erweckt werden. Die Hydraulik der integrierten Wagenheber funktioniert dafür auf Anhieb und der knapp über eine Tonne schwere, leichte Wagen hebt sich mit einem Zischen von selbst in die Lüfte. Bilder einer vielleicht besten DTM aller Zeiten machen sich im Kopf selbstständig – Rückblick! 1988 stiegen die Ruch Brüder als Privatiers in die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft ein. Der Mustang, das scheinbar ideale Gefährt um die Kosten für solch ein Abenteuer ohne Werksteam überhaupt ansatzweise in machbare Dimensionen zu lenken, war erste Wahl. Den Umbau zum DTM Rennwagen erledigten die Ruch Brüder im Schweiße ihres Angesichts selbst – tagsüber Gebäudetechnik – abends bis in die Puppen DTM Technik. Und zwar vom Feinsten – vieles gab es nicht, das meiste musste selbst konstruiert werden. Man experimentierte mit Vergasern, baute schließlich eine eigene Einspritzanlage, fertigte Gfk Hauben, Bremsen, gefräste Fahrwerksteile – alles Handarbeit made by Ruch. Ergebnis des 1994er Boliden – 1.050kg mit 540PS aus knapp 5l Hubraum die sich auf 8 Zylinder verteilten – geschaltet wurde mit einem 5 Gang Getriebe – Vortrieb war also genug da – mehr sogar als bei allen anderen – Christian Danners Alfa V6 TI verfügte im Vergleich über 420PS bei 1.100kg aber die Verzögerung war die große Achillesferse. „Die Bremsen wollten eigentlich nie so recht“, grinst Gerd Ruch und so erinnern sich sicher einige, wie er auf der Gegengeraden des Noris Ring an Nicola Larinis Alfa im Top Speed vorbeizog, während der ein Gesicht wie beim Biss auf die Zitrone machte. Beim Anbremsen der nahenden Kurve setzte Larini seinen Alfa prompt wieder in die vermeintlich richtige Rangfolge. Das geschah so oft, dass es für die Ruch Brüder nur ganze vier Punkte in sieben Jahren zu holen gab. Die Lorbeeren für ihre Arbeit erhielten die Ruchs dennoch. Als Sieger der Herzen waren sie die Publikumslieblinge und Helden der DTM in einer Zeit, in der sich große Namen wie Rosberg, Stuck, Pirro, Lehto, Quester, Soper, Schneider und Co, teils mit Formel 1 Vergangenheit, die Ehre gaben und die Mechanik der Boliden noch Meister über die Elektronik war. 1994 war dann auch das letzte Jahr des amerikanischen Fast Pony – in Anerkennung der Leistungen bekamen die Ruch Brüder von Norbert Haug eine AMG Mercedes C-Klasse und fuhren 95 noch ein weiteres Jahr in der Tourenwagen-Meisterschaft. Unvergessen aber bleibt der Sound der Mustangs und diesen dürfte man auf der ein oder anderen historischen Rennsportveranstaltung bald wieder zu hören bekommen – denn der Mustang wechselte im vergangenen Spätsommer den Besitzer innerhalb Berlins und erfreute sich nach 25 jährigem Dornröschenschlaf bereits einer Revidierung im Fuhrpark von MK Mücke Motorsport Classic.       

 

 

Text Ulf Schulz / Fotos Ulf Schulz / Veröffentlicht auf oldtimerapp.com


Das Auto ohne Grenzen

Neulich sah ich bei einem Freund auf dem Hof ein Gefährt, das ich nahezu vergessen hatte. Es war kein Cisitalia, Betone oder eine andere seltene automobile Nadel im Heuhaufen – es war ein Citroen Visa. Wann ich zuletzt einen in freier Wildbahn gesehen hatte – ich konnte es nicht sagen, aber der kleine Franzose ist selten geworden. Ganze 12 Exemplare werden auf einer bekannten Online-Feilschplattform angeboten. Meine Neugierde war geweckt. 

Anfang der 1970er Jahre suchte man bei Citroen nach Ideen für einen Nachfolger des 2CV – klein, günstig und simpel sollte er sein. Da Fiat für den 127er ebenfalls Ersatz suchte, konstruierte man gemeinsam drauf los. 1974 aber fand dieses Joint-Venture ein Ende, denn der angeschlagene Citroen Konzern suchte Schutz unter den Fittichen von Peugeot und beschritt den Weg zur PSA Gruppe. Optisch an den GS angelehnt, kam der 3,70 lange Winzling mit 4 Türen serienmäßig im September 1978 zur Welt. Den Versionen Special und Club, wie unser Protagonist, vererbte der 2CV sein luftgekühltes Motörchen – 2 Zylinder Boxer, aber um ganze 50 Kubikzentimeter erstarkt, wollten die 34 Pferdchen dennoch keine Rakete aus dem Entennachfolger machen und so traute man sich nicht mal ansatzweise das Leistungsgewicht zu berechnen, wenn vier normal genährte Europäer hinter den vier Türen Platz nahmen – ganz zu schweigen davon, das die Zuladung ganze 300kg betrug. Die Fuhre beschleunigte immerhin auf fast 130 km/h auch wenn es bis zur 100 bereits 30 Sekunden dauerte. Wer Ambitioniertes im Sinn hatte, griff zum Peugeot Motor – vier Zylinder, 1.000 Kubik und 50 PS – darüber lässt sich bei 770kg reden. Der Geheimtipp unter Kennern aber, war der 1,7l Dieselmotor. Kräftig und voller Drehmoment wurde für den schweren Motor der Vorderwagen umkonstruiert, sodass nun auch größere Benziner Platz fanden und die Freiheit auf Rädern beflügelten. Im Innenraum ging es sachlich zu. Zwar spürt man die Seitenneigungskräfte bei Kurvenfahrten ähnlich wie in einer Ente, Platz ist dafür aber in der kleinsten Hütte. Der berühmt berüchtigte „Bedienungssatellit“ mit dem die Konstrukteure auch dem Visa seine Eigenheit in Sachen Armaturen-Bedienung schenken wollten, setzte sich glücklicherweise nicht durch und so hat unser Modell aus dem Jahr 1986 wieder Hupe, Blinker, Licht und Co am ergo-logisch rechten Fleck. Bis zum Produktionsende im Oktober 1988 kamen noch unzählige Versionen und Ideen auf den Markt – von der Cabrio Limousine – dem Plain Air, über den GTi oder sogar einer 4x4 Version Milles Pistes – der Citroen Visa kannte scheinbar keine Grenzen. Diese zeigte ihm dann aber vielleicht die Ente auf, denn schlussendlich wurde sie zwei Jahre länger gebaut und überlebte damit ihren eigenen Nachfolger.  

  

 

  

Text Ulf Schulz / Fotos Sven Dühring / Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com


Die unglaublichen 10.000

 

In dieser Woche ist etwas Besonderes passiert… die Oldtimer Youngtimer App hat die Schallmauer der 10.000 Abonnenten auf Facebook durchbrochen. 10.000 Menschen, die unsere Artikel lesen, 10.000 Old- und Youngtimer-Fans die uns folgen und mit denen wir gemeinsam diese schöne Leidenschaft teilen. Das macht uns mächtig stolz und die Freude darüber erinnerte uns an eine Geschichte, deren 10.000 Protagonisten sich damals sicherlich auch richtig freuten. 

 

Es ist eine deutsch/ deutsche Geschichte – geschehen zwischen Wolfsburg und dem Politbüro der DDR. Ende der 1970er Jahre wollte die DDR Führung dem sozialistisch geprägten Mangel durch farbenfrohe Westwagen begegnen und ganz nebenbei einige Sparkonten um gebunkerte DDR Mark erleichtern. Kurzum fand man mit Volkswagen in Wolfsburg einen Deal – 10.000 VW Golf in einfachster Ausführung mit einem Gegenwert von 80 Mio. Mark gegen Tauschware. Richtig, ein Barter-Handel! Eine Delegation aus Wolfsburg fuhr dazu quer durch die DDR und suchte nach Dingen, die VW gebrauchen konnte. Am Ende fanden Blechpressen, Werkzeugmaschinen und sogar ein Planetarium von Carl Zeiss Jena, welches noch heut in Wolfsburg steht, den Weg in den Westen. Die Sage reicht bis hin zu Dresdner Stolle und Thüringer Bratwürsten die in der Wolfsburger Kantine zum Genuss gereicht werden sollten – belegt ist diese Mär aber nicht und es bliebe wohl nur die geschmackliche Erinnerung der Belegschaft aus damaliger Zeit zum Beweis. 

Der Deal stand – VW produzierte die Wagen innerhalb von drei Tagen und im Januar 1978 rollten die ersten Golf per Eisenbahn über die Grenze. Weit verbreitet ist der Irrglaube das die Autos nun an die Obrigkeit und Bonzen verteilt wurden – der Arbeiter stand bei diesem „sozialistischen Werbeprojekt“ im Fokus und so hatte man beste Chancen wenn man eben Arbeiter und Bauer im Arbeiter und Bauernstaat war. Nur war den meisten der Preis schlichtweg zu hoch – anfangs verlangte man zwischen 30 bis 35.000 DDR Mark - im Vergleich – ein Trabi kostete um die 10.000,- Mark, ein Lada ca. 20.000,- Mark - aber neben dem hohen Preis hatten die Leute Angst vor Ersatzteil-Problemen und der Reparaturfreundlichkeit – der Preis wurde schon bald auf 24.000,- Mark gesenkt und die Fahrzeuge fanden ohne die lange Wartezeit zu ihren stolzen Besitzern. 

Auch ich wurde in einem dieser 10.000 Golf groß – manilagrün versprach exotisches Flair – der 1,5l Dieselmotor mit seinen 50PS und dem herrlichen Nageln der Wirbelkammern sorgte auf langen Fahrten aber eher dafür, auf der Rückbank im Römersitz gut in den Schlaf zu kommen. Der kleine Wolfsburger hielt bis weit nach der Wende und schaffte auf seiner letzten Reise von Paris nach Berlin den Heimweg notgedrungen auch noch mit drei Zylindern – sein Charakter prägte meine Leidenschaft zu Autos und noch heut denke ich gern und dankbar an ihn. So dankbar wie wir es heute sind, dass es euch gibt. Bleibt uns gewogen, immer eine Handbreit Sprit im Tank und auf die nächsten 10.000!!!

 

 

 

Text Ulf Schulz / Fotos Ulf Schulz / Veröffentlicht auf oldtimerapp.com


 

Turins schönste Kurven

 

Als Giovanni Agnelli, Gründer der Fabbrica Italiana Automobili Torino – den meisten unter Fiat geläufig, die Ford Werke in Detroit Anfang des vergangenen Jahrhunderts besuchte, muss er schwer beeindruckt gewesen sein – die Gedanken an eine solch moderne Fabrik importierte er direkt in die Heimat, nach Turin. Nachdem Grundstücke gekauft und einige sogar zwangsenteignet erworben wurden, plante Architekt Giacomo Mattè Trucco innerhalb weniger Monate im Jahr 1916 den 500m langen und fünf Stockwerke hohen Komplex, dessen Name Lingotto auf den vor Ort befindlichen Bauernhof zurück geht. Noch im selben Jahr begannen die Bauarbeiten.  

 

1923 startet die Produktion – Fahrzeuge wie der Fiat Balilla oder das Mäuschen – der Topolino erblickten hier auf spektakuläre Weise das Licht der Welt. Clou der Fabrik war, dass im Erdgeschoss mit dem Fahrzeugbau begonnen wurde und in jeder Etage weitere Produktionsschritte erfolgten bis schließlich im fünften Stock das fertige Gefährt auf das Dach des Gebäudes fuhr. Dort angekommen, wurde jeder Wagen auf der einen Kilometer langen Strecke, welche durch zwei Steilkurven verbunden war, eingefahren. Stimmte etwas nicht, ging das Automobil direkt zurück in die Produktion.

Steht man leibhaftig in einer dieser Steilkurven, wird einem die Verrücktheit auf einem fünf Stockwerke hohen Haus erst nur noch bewusster. Ein jeder Fiat hat die Fabrik aber über die atemberaubend schöne Auffahrt verlassen – den direkten Weg vom Dach nahm glücklicherweise keiner.

 

1982 war es mit der Produktion vorbei – das Werk drohte als Industrie-Ruine, welches mittlerweile einen ganzen Turiner Stadtteil begründete, zu enden. Bürgerinitiativen machten sich stark, Architektenwettbewerbe wurde ausgeschrieben und 1989 wurde so aus dem Werk ein modernes Kultur- und Messezentrum mit Kinos, Hotels und Einkaufspassage. Auch heut kann man noch auf Tuchfühlung mit der magischen Geschichte des Werkes gehen und im NH Hotel übernachten – ein Muss für jeden Automobilisti. Zwar gibt es keine Führungen, aber um auf das Dach zu gelangen, empfiehlt es sich im Kunstmuseum Pinacoteca Agnelli den Aufzug zu nehmen. Der Eintritt kostet ca. 8 Euro.

   

 

 

 

Text Ulf Schulz / Fotos Ulf Schulz / Veröffentlicht auf oldtimerapp.com 

 


Das Oldtimer Netzwerk

Wie bei so vielen von uns, ist die Leidenschaft zu altem Blech tief verankert in unserer Kindheit zu finden. So auch bei Marco Wenzl (42). Sein Kinderzimmer war von oben bis unten plakatiert mit automobilen Träumen und das waren keinesfalls nur Wartburg und Saporoshez aus Ostblock-Produktion – wie man bei einer DDR-Kindheit unweit des Eisenacher Automobilwerks vermuten könnte. Es waren die scheinbar unerreichbaren Träume, die als Matchbox durch die West-Verwandtschaft über die innerdeutsche Grenze geschmuggelt wurden. Aus Träumen konnte nach Mauerfall Realität werden. Aber zunächst platzte für Marco der Traum Kfz-Mechaniker zu werden – die Diagnose – Schmiermittel-Allergie was wohl auch für einige andere Berufsgruppen Ausschlusskriterium sein dürfte. Marco wurde kurzerhand Fachinformatiker und später Versicherungsprofi, wo er seit 10 Jahren auch Oldtimer versichert und gründete 2012 auf der Leidenschaft zu Oldies und Computern kurzerhand das Oldtimer Netzwerk. 

Das Oldtimer Netzwerk ist eine Facebook-Gruppe, die es zur Aufgabe hat, Gleichgesinnte an einen digitalen Stammtisch zu bringen, Veranstaltungstermine zu kommunizieren und die Welt ein wenig kleiner zu machen. Bis 2019 fanden sich über 6.000 Fans und Besitzer klassischer Fahrzeuge und die Gruppe wuchs stabil „nebenher“. Doch dann standen die Leute von Facebook vor der Tür – auf die ersten Mails reagierte Marco gar nicht und dachte das wäre Spam aber als dann ein Anruf kam, war die Neugier geweckt. Kurzum – Facebook schob die Werbekampagne „Mehr gemeinsam“ an – eine Aktion in der Facebook seine Gruppen und Communitys bewerben und dem eigentlichen Sinn der sozialen Netzwerke Boden geben wollte. Marcos Gruppe war dabei ins Visier der Netzwerker geraten – gute Gruppendynamik, stabiles Wachstum, deutscher Name – nach einer Prüfung aller Inhalte und des Gründers ging es los – es entstand ein emotionales Plädoyer bzw. Werbevideo mit Alicia, der Tochter des Berliner Porsche Spezies Thomas Lundt für das, was unsere Liebe zu altem Blech ausmacht – nämlich neben den Autos die Menschen die uns umgeben, mit denen wir fachsimpeln, philosophieren, schrauben – so wie die Menschen im Oldtimer Netzwerk. Dieses wuchs danach rasant und konnte seine Mitgliederzahl auf aktuell über 15.000 Mitglieder erweitern. Dabei ist die Durchmischung das Salz in der Gruppe – aus jedem Alter finden sich Enthusiasten – von 18 bis über 70 Jahren sind alle dabei. 

In Zeiten von Covid Beschränkungen sind solche Gruppen wie unsere Oldtimer App oder eben das Oldtimer Netzwerk umso wichtiger und dabei bleiben die Menschen nicht nur im Austausch. Aktuell erlebt man im Oldtimer Netzwerk jeden Tag einen virtuellen Museumsrundgang. „So lernen wir alle die verschiedenen Ausstellungen kennen, besuchen diese nach der Corona Zeit und helfen damit, dass diese Museen überleben“ – so Marco Wenzl. Selbst eine eigene Damengruppe hat sich schon aus dem Netzwerk abgeleitet – gegründet wurde diese, wie könnte es anders sein, am Valentinstag. Bei Ladies Classic Driver vereinen sich ausschließlich blechliebende Damen und werden auch von diesen moderiert – erstaunlich einzigartig bisher. Und um das Oldtimer Netzwerk Werbe- und Verkaufsfrei zu halten wurde am vergangenen Karfreitag – Achtung Wortwitz – in Kooperation mit dem Classic Trader der Oldtimer Netzwerk Marktplatz eröffnet – hier darf angeboten werden was das liebe Blech hält – ob Ersatzteile oder ganze Autos – Hauptsache klassisch ist die Devise. Vielleicht begegnet Marco dann auch seinem Traumoldie – ein EMW 327 – die Eisenacher Wurzeln lassen sich eben nicht leugnen, seine heimliche Liebe gilt nämlich den Vorkriegern auch wenn aktuell seine ganze Aufmerksamkeit einem 311er Rundheck-Wartburg gilt, mit dem er noch viel vorhat. Was genau? Fragt ihn doch einfach bei einer Stammtischrunde im Oldtimer Netzwerk.

 

 

 

Text - Ulf Schulz / Foto Oldtimer Netzwerk / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

 

Ein Hase namens Alvis

 

Als die Firma Firma Alvis Car and Engineering Company Ltd 1920 im britischen Coventry, dem Detroit der englischen Auto und Motorradschmieden, ihren ersten Wagen, den 10/30 vorstellte, schmückte ein schlichtes, auf dem Kopf stehendes rotes Dreieck mit dem Namen Alvis den Kühler. Bald darauf, montierten die ersten Kunden eigene Kühlerfiguren auf den Kühlerverschluss, getreu dem Vorbild der wohl bekanntesten und heut noch quicklebendigen Kühlerfigur, der Spirit of Ecstasy, welche Rolls Royce seinen Fahrzeugen seit 1911 mit auf die Reise gab. In Coventry blieb das nicht lange unbemerkt und so entschied man sich, serienmäßig eine Kühlerfigur zu verbauen. Zeugte solch eine Figur doch vom Markenbewusstsein und der Wiedererkennung. Dabei waren der Fantasie und auch dem Humor der Hersteller kaum Grenzen gesetzt – ob Tiere, Menschen oder die in Deutschland wohl bekannteste Figur – der Mercedes Stern – erst mit dem echten Einsetzen der Massenmotorisierung ab Ende der 1940er Jahre fielen die meisten Figuren so langsam aber sicher der ökonomischen Notwendigkeit aber auch dem Fußgängerschutz zum Opfer, verursachten die starren Maskottchen doch schwere Verletzungen bei Unfällen. Im April 1959 wurden schließlich starre Kühlerfiguren in Deutschland per Gesetz verbannt und so bleibt der bewegliche gute Stern auf Fahrzeugen aus Untertürkheim eine Hommage an die Zeit der Anfänge des Automobilbaus.

 

Unser Alvis Hase verdankt seinen Platz auf dem Kühler jedenfalls mindestens dem Humor der britischen Konstrukteure der damaligen Zeit – warum ein Hase ist nicht wirklich überliefert, vielleicht weil Meister Lampe im alten Duell zwischen Hase und Igel ein unermüdlicher Dauerläufer war oder er eben einfach gut und knackig aus der Ecke kam. Aber Humor musste in jedem Fall eine Rolle spielen, wie sonst lassen sich Wachteln auf Ford A Modellen oder Elefanten von Rembrandt Bugatti, dem Bruder des großen Ettore auf dem Bugatti Royale erklären.

 

Nach dem Hasen kam für Alvis, deren Name sich aus Al für Aluminium und Vis, was lateintisch für Kraft steht, ab 1930 der berühmte „Alvis Eagle“, der Adler, der den meisten geläufiger sein dürfte als das Löffelohr. Den Alvis Firefly zierte aber, wie könnte es anders sein, ein Glühwürmchen. All diese Figuren wurden von AE Louis Lejeune, London, hergestellt und heut solch einem Hasen in freier Wildbahn zu begegnen ist fast so schwierig, wie den leibhaftigen Osterhasen am kommenden Sonntag zu erwischen – nur gibt es ersteren wirklich.

 

Wir wünschen allen trotz der Umstände, ein schönes, sonniges und erholsames Osterfest.

 

 

Text Ulf Schulz / Foto Tom Schwede / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

 


 

Tu Gutes und dir wird Gutes begegnen - die Oldtimerspendenaktion 2020

 

Wer uns folgt, hat sicherlich die Übergabe der Fahrzeuge an die Gewinner der Oldtimerspendenaktion im Februar in den heimeligen Hallen des PS-Speicher gesehen und schon bei diesen Fahrzeugen konnte man sich in den Allerwertesten beißen, hatte man es verpasst sich ein Los zu sichern. 

Nach der Oldtimerspendenaktion ist nun zum Glück aber irgendwie wieder vor der Oldtimerspendenaktion der Lebenshilfe Gießen und so stehen erneut zehn frisch polierte Oldies in den Startlöchern, die bis zum 20.01.2021 die Herzen der Menschen erobern und deren Portemonnaies öffnen sollen. 

Reinhard Schade und Tina Gorschlüter sind auch solche zwei Herzen – vom Kopf bis Fuß auf Lebenshilfe eingestellt, sind die Zwei aus der Oldtimerszene nicht mehr wegzudenken und so schaffen sie es nun bereits zum 26. Mal, Menschen zu überzeugen eben ihren Oldie für die gute Sache zu spenden und danach Lose unters Volk zu bringen. 

Nun aber seid ihr gefragt und könnt spenden was das Zeug hält – zuvor möchten wir euch jedoch den Mund wässrig machen und die zehn Fahrzeuge näher vorstellen. 

Fangen wir mit der kleinsten Anzahl der Räder an - die Zündapp Bella mit ihren 11PS beförderte ab Mitte der 50er Jahre nicht nur vortrefflich zur Arbeit, auch der Italienurlaub war drin, zuckelte sie doch zuverlässig mit Partnerin und Gepäck über den Brenner. Nur vor den Lüftungsschlitzen musste sich die Damenwelt vorsehen, denn kam man diesen mit dem Rock zu nah, liftete dieser prompt im Marylin Monroe Stil. Luftig geht es auch im frechen Panda zu, denn der ist schlichtweg oben ohne – das Schweibö-Cabrio ist eine echte Seltenheit und daneben noch quietschbunt. Der Chrysler Le Baron ist wohl der Hipster unter den Oldies – mit wenigen Kilometern auf dem Tacho, wurde dieser schneeweiße Cabriotraum aus der Alpenrepublik Österreich gespendet. Ein güldenes Wägelchen hat es direkt in Reinhard Schades Herz geschafft – der Golf I Automatik wurde von einer älteren Dame ganze 18.000km bewegt und ist irgendwie trotz des betagten Alters jungfräulich – solches Gold macht sogar in schweren Zeiten Spass. 

Formidabel präsentiert sich da der letzte handgemachte Mercedes. Ein 280 SE / W111 Coupe in vollrestauriertem Zustand ist ein echter Hauptgewinn. Very British geht es dagegen im Triumph Spitfire zu – mehr echtes Roadsterfeeling geht nicht und das auch noch in einem traumhaften Zustand. Der kleine Feuerspucker hat sogar ein nagelneues Verdeck. Aus Köln sind ein Ford Escort Cabrio sowie ein Taunus am Start und so gewöhnlich ersterer auch klingen mag – wann habt ihren zuletzt einen gesehen? Der Taunus 20MS V6 mit 90 PS ist da schon aus anderem Holz, denn er wurde von keinem geringeren gespendet, als vom Großmeister des Kabaretts persönlich, Urban Priol – Kult als Auto und Kult als Vorbesitz! Eher Frankophil unterwegs? Kein Problem - Simca ist mit seinem ersten eigenständigen Modell, der Simca 9 Aronde mit von der Partie und versprüht ordentlich Savoir-vivre das man auch bei der Mille Miglia spüren dürfte, denn sie wäre für die Rallye der Rallyes zugelassen. Und schließlich gehört in jede gute Stube ein Mercedes W123 240D – krisensicher fährt der zur Not auch mit Rapsöl und von Elektrik ist bis aufs Vorglühen und den Anlasser auch kaum eine Spur. Der Wagen zählt mit seinem Baujahr 1976 zur Serie 0,5 und erhielt ab Werk damals so ziemlich alles was das Herz begehrt – Schiebedach, Anhängekupplung – die perfekte Work Life Balance würde man heut sagen. 

Kann keiner sagen, da wäre nichts dabei – so bunt und fröhlich die Fahrzeugmischung, so herzlich werdet ihr auch in diesem Jahr auf Reinhard Schade, Tina Gorschlüter und das Team der Lebenshilfe Gießen stoßen, die unterwegs sind und Lose verkaufen. Das schönste dabei – es gibt keine Verlierer und nur Gewinner denn tue Gutes und dir wird Gutes begegnen…

 

Und das geht sogar direkt hier und jetzt – einfach mindestens 5,-€ oder mehr an nachfolgende Bankverbindung mit eurem Namen und der Anschrift als Verwendungszweck senden und schon seid ihr dabei:

 

Konto Sparkasse Gießen

Empfänger: Lebenshilfe Gießen e.V.

Bank: Sparkasse Gießen

IBAN: DE38 5135 0025 0200 6260 00

BIC: SKGIDE5FXXX

 

Ab einer Spendenhöhe von 50,- EURO erhaltet ihr automatisch eine Spendenbescheinigung. Wir drücken euch die Daumen und vielleicht sehen wir uns ja bei der Übergabe der nächsten Gewinnerfahrzeuge im Februar 2021!

 

Mehr Infos zur Arbeit der Lebenshilfe auf: www.oldtimerspendenaktion.de

 

 

Text - Ulf Schulz / Foto Lebenshilfe Gießen e.V. / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

Buena Vista Moto Club

Selbst entspannte Gedankenreisen sind außerhalb des im Minuten Takt aktualisierten Nachrichtenstroms dieser Tage manchmal begrenzt – grenzenlos scheint dafür aber der Oldtimerhimmel über Kuba. Nehmen wir also Platz auf der Rückbank eines Chevy Bel Air und lassen uns durch ein Land treiben, welches für den Inbegriff karibischer Lebensfreude steht. Heiße Rumba-Rhythmen, paradiesische Sandstrände, Städte wie Havanna, Trinidad oder Cienfuegos, in denen man spürbar die Luft der Kolonialzeit atmet sowie unglaubliche Landschaften und die Herzlichkeit der Einwohner machen die Insel zur wahren Königin der Antillen. 

In dieser Mischung scheinen die wundervollen Oldtimer ob Buick, Cadillac, Chevrolet, Chrysler, Ford, Oldsmobile, Plymouth oder Studebaker wie eine perfekt arrangierte Filmkulisse eines Hollywood Streifen aus den 1950er Jahren, doch der wahre Grund für die ca. 60.000 Fahrzeuge die wie Zeitzeugen noch heut durch Kuba streifen, ist viel simpler.

Vor Fidel Castros sozialistischem Wirtschaftsstaat, während des Batista Regimes, blühte der Kapitalismus und der importierte eben auch die chromblitzenden Kunstwerke amerikanischer Autohersteller für wohlhabende, auf der Insel lebende Amerikaner. Ende der 1950er Jahre war damit Schluss – Fidel kam an die Macht und es folgte ein Handelsembargo, welches nicht nur den Weg für neue Autos versperrte, sondern auch keine Ersatzteile mehr ins Land ließ. Um die alten Kisten am Leben zu halten, ersetzten kurzerhand Teile und Motoren aus dem Ostblock das, was in den alten Amerikanern kaputt ging und so ist es heut kaum mehr möglich, ein vollständig originales Auto aus dieser Zeit auf Cuba zu entdecken. Die Chance, der wirren Kombination eines Lada Motors in einem Studebaker zu begegnen, ist dafür ungleich größer. Dem Charme möchte man meinen, war dieser Frevel fast zuträglich. Die hohen Benzinpreise aber machen es den Kubanern auch dieser Tage schwer, die Dinosaurier am Leben zu halten. Bis vor kurzem war es nur Einheimischen vorbehalten Oldtimer zu fahren – mittlerweile können Ausländer zwar Fahrzeuge kaufen, der Export ist aber weiterhin untersagt. Vielleicht auch gut so, denn so bleibt das kulturelle Erbe in all seiner speziellen Farbenpracht erhalten, denn was wäre Kuba ohne Oldtimer?!

 

 

Text - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

Eine Schwalbe fährt in den Sommer

Zwischen all den tagtäglichen Schwierigkeiten die uns die aktuelle Situation schafft, erhielt ich vor ein paar Tagen eine WhatsApp Nachricht eines Freundes. Es war keine dieser weitergeleiteten Belustigungen über die Hamsterlaune einiger Landsleute in Sachen Toilettenhygiene, sondern ein Bild einer gerupften Schwalbe, abgestellt in einem Schuppen mit der Unterschrift – „Schau mal was ich gefunden habe.“. Sofort hatte ich ein Lächeln im Gesicht. Zwar ist der Scheunenfund einer Schwalbe, gerade östlich der Elbe bei weitem kein seltener Sensationsfund, dennoch freut es einen aber wie ein kleines Kind, wenn man hinter ein paar alten Brettern plötzlich Vaters 50 Jahre alten Roller wiederentdeckt. Ein kleiner Archäologe steckt wohl in einem Jeden von uns. Die tundragraue KR 51/1 aus 1969 hatte in jedem Fall schon bessere Tage gesehen. Ihr Urahn, die Simson Schwalbe KR50, erblickte 1958 das Licht der Welt im Thüringischen Suhl. Dabei stand das KR für Kleinroller und die 5 für den Nennhubraum. Während auf westlicher Seite Goggomobil und Isetta antraten, das Volk zu mobilisieren, experimentierte man in Leipzig, Suhl und anderswo an wirtschaftlich zuverlässigen Kleinrollern um den und die Arbeiter/in günstig und individuell an den Platz der sozialistischen Produktion zu befördern. Kurzum - der Simson KR50 wurde der erste Kleinroller der DDR und war eine Mischung aus Mokick und Roller. Erst satte 28 Jahre später wurde das Grundprinzip mit dem Simson SR50 abgelöst, der dann selbst im wiedervereinigten Deutschland bis 2002 gebaut wurde.

Die Schwalbe war eine Erfolgsstory - ihr irgendwie zeitloses Design, ihre Zuverlässigkeit und die unkomplizierte Technik waren jedenfalls der Stoff, der die Schwalbe bis heut zum Kultobjekt gemacht hat. Über eine Million Mal produziert, düsen heut noch über 150.000 Stück auf den Straßen umher und das ist nicht nur pure Ostalgie. Wer sie einmal gefahren ist, ist ihr erlegen – egal aus welcher Himmelsrichtung der Wind weht… 

So weit, so Kult – die zumindest optische Erfolgsgeschichte flackerte Mitte 2017 plötzlich wieder auf als knallorange E- Roller im Schwalbenkleid das Straßenbild Berlins zierten. Im polnischen Breslau produziert die Firma Covecs seither die Elektroschwalbe die nach den aktuellen Gesetzen bis 45km/h flott ist und je nach Akku bis 125km Reichweite hat.

Das interessiert unseren Archäologen Marcel, der vor einer Woche seine ganz persönliche Schwalbenentdeckung gemacht hat, wenig. Marcels Herz lassen gewöhnlich blubbernde amerikanische V8 Motoren aus Chevelles oder El Caminos höherschlagen. Der gebürtige Marwitzer machte seine Liebe zu altem Blech zum Beruf, strahlte mit Trockeneis zuerst Bauwerke und irgendwann jeden Unterboden ob Ami, Young- oder Oldtimer bis er schließlich eine eigene Werkstatt für eben diese eröffnete.  

Und da Glück mehr wird, wenn man es teilt, organisiert er seit 2014 immer im September einen herzlich echten Saisonabschluss für Classic Cars in Marwitz, vor den Toren Berlins. Zu diesem hofft Marcel, werden auch in diesem Jahr viele schöne Schwalben einen wundervollen Sommer gemacht haben und sich bei ihm vom 26.-27. September 2020 treffen.

 

Text - Ulf Schulz / Foto - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

Mit dem Schlitten zur Retro Classics

Dicke weiße Flocken wehen über den Vorplatz der Stuttgarter Messe – endlich Winter! Aber das hält im Ländle niemanden ab, seinen schmucken Oldie wie in jedem Jahr genau vor dem Eingang parken zu dürfen. Es ist Retro Classics Zeit und damit öffnete gestern die größte Messe für Fahrkultur ihre Pforten und verwöhnt den geneigten Automobilisten mit tausenden von Träumen bis einschließlich Sonntag. 

 

Wir waren zur Eröffnung vor Ort und konnten uns einen Überblick verschaffen. Bereits für die Ausstellung im Foyer lohnte der Trip nach Stuttgart – die „ROFGO Heritage Collection“ wird man so kein zweites Mal zu Gesicht bekommen denn was der Unternehmer Roald Goethe hier zusammengetragen hat, ist mindestens so spannend wie die italienische Reise seines literarischen Namensvetters. Vor 10 Jahren fing er an die Sammlung der Rennwagen aufzubauen, deren auffällige Lackierung die Marke des Erdölkonzerns wiedergibt und heut über 40 Exemplare zählt. 27 davon sind auf der Retro Classics ausgestellt – Verweildauer verkehrsministerial garantiert, denn Abends schaute sich Verkehrsminister und Parlamentskreis Automobilies Kulturgut Gründungsmitglied Andreas Scheuer höchstpersönlich die Ausstellung an und sah begeistert aus.

 

Nicht weniger prominent ging es in Halle 1 zu – Legende Walter Röhrl, der bei dem Schneetreiben vor der Haustüre wohl nur die Rallye Monte Carlo im Kopf hatte, enthüllte im Blitzlichtgewitter Recaros neue Sitzlinie – feinstes Gestühl im Retro Look vom Rallyegott höchstpersönlich geadelt mit anschließender Signierstunde. Mehr ging eigentlich nicht, dabei war das erst der Anfang.

 

Die Hersteller Porsche und Mercedes zeigten sich elektrisiert und stellten ihre Elektropioniere in die erste Reihe – der Lohner-Porsche von 1900 mit Radnabenmotor und Hybridantrieb und Mercedes-Benz den EQA von 2017 – mehr als 100 Jahre dazwischen – die technische Idee im Prinzip gleich. 

 

An mobilen Zuffenhausener und Untertürkheimer Zeitzeugen mangelte es aber keineswegs – auch in diesem Jahr stellen sie die breite Front der Exponate. Für Abwechslung sorgen in den restlichen Hallen aber die vielen Clubs und Sonderausstellungen. Ein 911er fiel allerdings auf – der älteste seiner Art – die Nummer 57 erblickte 5 Wochen nach Produktionsstart das Licht der Welt und kann noch von den Namensstreitigkeiten zwischen Peugeot und Porsche ein Liedchen singen – umso schöner seine schnörkellose Grundlinie und die Chromradkappen.

 

Von Kunst bis Goggo Transporter, von Ghia bis vermeintlich unrettbarer Pagode – es gibt viel zu entdecken in den großen Hallen der Retro Classics und dafür bleibt glücklicher Weise noch bis Sonntag Zeit. Die Anreise mit dem Schlitten wird empfohlen.

Text - Ulf Schulz / Foto - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

And the winner is...

Was im Titel anklingt, als möchten wir live vom roten Teppich aus Los Angeles die Preisträger des Oscars bekannt geben, ist in Wahrheit etwas noch viel Größeres. Denn das, was die Lebenshilfe Gießen mit ihrer Oldtimerspendenaktion seit 25 Jahren an Arbeit leistet, ist mit den begehrten goldenen Trophäen der Filmwelt nicht aufzuwiegen. Zur Preisübergabe der Oldtimerspendenaktion 2019 traf sich die Oldtimerfamilie vergangene Woche Dienstag, den 18.02.2020 im herzlichen Ambiente des PS-Speichers in Einbeck. Wer es verpasst hatte, sich im letzten Jahr eines der Lose zu sichern die Reinhard Schade, Tina Gorschlüter und Team liebe- und mühevoll unters Volk gebracht hatten, konnte sich beim Anblick der neun hochpolierten Fahrzeuge in jedem Fall ordentlich in den Allerwertesten beißen. 

Fing der Reigen noch recht bescheiden mit einem Viktoria Moped an, forderte der vom PS-Speicher gespendete BMW 525 mit seinem eta Motor schon erhebliche Aufmerksamkeit und als sich diesem zur Seite stehend ein Jaguar MKII sowie ein Bentley T1 im Spotlicht rekelten, kam man unweigerlich auf die Idee, einen Monatslohn in Lose investieren zu wollen. 

Wie bei einer richtigen Filmverleihung, durften auch die Stars nicht fehlen und so war der Hauptpreis ein Mercedes-Benz 180 C, der in seiner Vita in Form des Fahrzeugbriefes als letzten Eintrag keinen geringeren als Günther Jauch zitieren durfte. 

Fernab von Prominenz und Adel eroberte aber ein kleiner roter Kerl mit griechischen Wurzeln die Herzen des Publikums. Der tip-top restaurierte Innocenti Mini aus 1975 war wohl der heimliche Favorit bei allen Loskäufern. Daneben fanden ein knochiger Escort, ein Golf I Erdbeerkörbchen und ein spritziger Peugeot 205 GTI zu ihren glücklichen Gewinnern.

 

Die Oldtimerspendenaktion 2019 hat mehr als 1,3 Millionen Euro erbracht, die in die Arbeit der Lebenshilfe Gießen fließen. Wir sind stolz auf die Leistung, die das Team seit nunmehr 25 Jahren mit Herz und Leidenschaft zeigt sowie auf die Partnerschaft die uns verbindet und wünschen allen Gewinnern immer eine Handbreit Sprit im Tank!

 

Sie wollen auch solch einen tollen Oldie gewinnen oder einfach nur Gutes tun – die Oldtimerspendenaktion 2020 ist Ihre Chance! Schon ab 5 EUR sind Sie dabei – mehr unter www.oldtimerspendenaktion.de

 

Text - Ulf Schulz / Foto - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

Rendez-vous in Paris

2., 3., 4., Gang… Drehzahl kurz vor dem Begrenzer, Kurve, runterschalten… der Sound eines Ferrari 275 GTB. Wer die ersten Sekunden in Claude Lelouch´s Kurzfilm sieht, reibt sich die Augen – denn der Zuschauer befindet sich nicht etwa auf der Rennstrecke in Le Mans sondern mitten in Paris an einem Sonntagmorgen im August 1976. Was cineastisch unter „C'était un rendez-vous“ (dt: Es war eine Verabredung) weltruhm unter Benzinjüngern erreichte, war eine Höllenfahrt durch Paris, die selbst Steve McQueen in Bullit aussehen lässt, wie einen Fahranfänger. In 7 Minuten und 52 Sekunden fliegt der Pilot mit 110 km/h über den Champs Elysee und wird von einer, die letzten Stufen aufsteigenden jungen Frau, vor der Kirche Sacré Coeur freudestrahlend empfangen. Allein beim Zuschauen sucht man den Anschnallgurt…

 

Auf der 45. Ausgabe der Retro Mobile Paris sollten sich die Synapsen des Besuchers mindestens ebenso gut anschnallen. Denn was diese Oldtimermesse bietet lässt den Pulsschlag in die Höhe schnellen. Ist man erst mittendrin, fällt es einem schwer sich zu konzentrieren – Aston Martin DB4 GT Zagato hier, Ferrari 275 GTB dort, Lancia Stratos, Facel Vega, Delahaye, Bizzarini, McLaren, Shelby, Bugatti EB 110, Williams und Ferrari Formel I und über zehn Lamborghini Miura, scheinbar in jeder jemals produzierten Farbe. Das Gehirn meldet Reizüberflutung und der Blick geht auf den Kalender, suchend nach einer Möglichkeit den Besuch in Paris von einem auf drei Tage auszudehnen.

 

Ein Tag allein ginge für die unfassbare Alfa Sammlung des Schweizer Händlers Lukas Hüni drauf. Zu 110 Jahre Alfa Romeo, hatte dieser sich etwas besonderes einfallen lassen und 20 Fahrzeuge der Mailänder Marke ausgestellt. Vom Alfa P3 von 1932 über diverse 8C ob Monza oder 2300 über den Alfa Romeo SF48 Bimotore von 1935 der, wie der Name sagt einen Motor vorn und einen hinten besitzt, bis hin zu Nachkriegspräziosen wie dem Alfa Romeo 2000 Sportiva Prototipo von 1954 oder einem stürmischen Rennwagen wie dem Alfa Romeo 33 T3 von 1974. Ein Espresso dazu und man ist im Autohimmel - Mille Grazie und weiter geht’s… 

 

Im Gedränge erweckt ein Franzose aus Molsheim das Interesse – ein unfassbarer Bugatti Typ 59 Sport von 1934 aus dem belgischen Königshaus zeigt stolz jeden Steinschlag, jeden Kratzer und wirkt dabei immer noch so elegant, dass selbst Ettore seine helle Freude an seinem gealterten Schützling hätte. Versunken in den Details dieses Wagens holt eine Preisinformation von nahezu 12 Millionen Euro wieder auf den Boden der Tatsachen und macht nach so viel Träumerei, Lust auf Greifbares.

 

Die Tatra Ausstellung kommt da gerade recht. Über 100 Jahre bauten die Tschechen Fahrzeuge, die heute noch für ihre teils skurrilen Formen bekannt sind und damit so herrlich anders waren als der Mainstream. Ob ein Tatra 87 von 1937 oder ein 603 aus Mitte der fünfziger Jahre - die luftgekühlten V8 Heckmotoren machten den Eindruck, als könne man mit ihnen bis zum Mond fliegen. Von Bodenhaftung also wieder keine Spur verspricht ein Schild mit der Aufschrift „Voitures moins de 25.000 EUR“ den Wiedereintritt in die Atmosphäre. In der neu eröffneten Halle 3 tummeln sich unzählige Schätze für weniger als 25.000 EUR und was sich hier findet ist alles andere als langweilig. Triumph GT6, Mini Clubman, Peugeot 205 GTI, diverse MGB oder ein Midget Ashley GT – die Qual der Wahl und kaum interessiert ein Angebot näher, winkt von weiter hinten ein scheinbar noch interessanterer Kandidat. Eine Auswahl von vier Fiat 500 ist farblich so treffend zusammengestellt, dass man am liebsten mindestens zwei mitnehmen würde, um das bunte Treiben auch noch in der heimischen Garage wirken zu lassen. 

 

Erfrischend herzlich geht es auch an den Clubständen zu. Fachsimpeln, ein Schluck Crémant neben altem Blech – das ist „Savoir-vivre“ in Reinkultur!

 

Bodenhaftung erreicht? Fast… wäre da nicht die Bertone-Prototypen Sonderausstellung des Automotoclub Storico Italiano – kurz ASI. Im September 2015 erwarb der ASI die historische, insgesamt 79 Objekte umfassende Sammlung von Carrozzeria Bertone bei einer Versteigerung und zeigte ausgewählte Exemplare wie den Volvo Tundra - der später als Citroën BX in Serie ging. Ein Chevrolet Ramaro oder ein Ferrari Rainbow lassen ganz nebenbei manches Design, welches heut als futuristisch gilt aussehen wie einen alten Hut aus den 70ern. Bravissimo!

 

Die Grenze der Aufnahmefähigkeit ist längst erreicht und wenn man sich überhaupt noch was wünschen wollte, erinnert eine zum niederknien schöne Brough Superior, die einst Lawrence von Arabien durch die Wüste schob, daran das wenig Einspuriges zu sehen war, abgesehen davon das man es hätte eh nicht mehr verarbeiten können. 

 

Unser Rendez-vouz in Paris, eine Hetzjagd über die Messe wie im Film von 1976 mit allem was man braucht – Adrenalin, Geschwindigkeit, Synapsen-Kollaps und am Ziel Schmetterlinge im Bauch. Merci mon chérie, au revoir!     

 

Text - Ulf Schulz / Foto - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com


Bremen, Beck´s und Buddelschiff

Läuft man über die Messe der Bremen Classic Motorshow, man könnte meinen, es gab ein Jahr lang keine Oldtimer zu sehen. Die Gänge sind an diesem Freitag morgen bereits gut gefüllt, überall wird gekiekt und geschnackt wie man in Bremen sagt und dazu gibt es auch gute Gründe. Die Bremen Classic Motorshow lässt die Oldtimersaison als erste Messe im Jahr

bereits zum 18. Mal starten und irgendwie passt die norddeutsche Frische zum Beginn des noch jungen Jahres.

 

Kaum angekommen, zieht es auch schon wieder nach draußen, ins Parkhaus der Messe, denn der Privatverkäufermarkt offeriert nicht nur Bandbreite vom Käfer bis zum Maserati, sondern überrascht auch mal mit dem ein oder anderen besonderen Gefährt abseits des Mainstreams. Neugierde zieht ein MGB GT im Sebring Look auf sich – unter seiner GFK Haube versteckt sich ein mächtiger 4,2l V8 dessen Potential man mit 980kg Körpergewicht des Sportlers, grinsend erahnen kann. Mehr Sportwagen geht nicht für 15.900, - EUR, allerdings auf 07er Kennzeichen.

Ein zweiter V8 zeigt sich am Ende des Parkhauses etwas zurückhaltender, dafür aber um Welten skurriler – ein Rover P6 3500S. Poppiges 70er Jahre Türkisblau, Chrom, Vinyldach - unter der Haube der berühmte 3,5l Alu V8, der sich in der „S“ Version mit einem Schaltgetriebe verheiratet hat. Ein Auto wie es eigentlich nur im Traum entstehen kann, denn sein Charakter entspricht einem bunten Potpourri der Gene, von Jaguar bis Citroën.

 

Mit einem breiten Grinsen geht es zurück in die Hallen, getrieben von der Lust zu erkunden, welche Sonderausstellungen sich die Bremer Messemacher dieses Jahr haben einfallen lassen. Die Schau „Rivalen der Automobilgeschichte“ lässt sieben Paare im Boxring aufeinandertreffen, bei deren Betrachtung man direkt in den Autoquartett Modus einsteigt – Opel Manta oder Ford Capri, Lamborghini Miura oder Ferrari Daytona, F40 oder Porsche 959. Ein anderes Match wird auf der lebensgroßen Spurplatte einer Carrera Bahn ausgetragen – ein BMW M3 E30 schiebt seine Nase vor einen Mercedes-Benz 190E, die Konkurrenten der DTM schlechthin zu ihrer Zeit. Am Ende aber gewinnen alle - die Herzen der Besucher.

 

In der Sonderschau „70 Jahre Motorrollerkult in Deutschland“ reihen sich quirlige Vespas im Erdumrunder-Outfit neben ein Maicomobil-Bender Gespann oder nimmt es ein braver Heinkel Tourist mit der gigantischen Sissybar einer Metalflake Vespa auf – bunt, informativ und mit Liebe zusammengetragen zeigt Bremen sein Herz für Einspuriges.

 

Und sonst so? Auf dem Stand von VW Classic Parts herrscht reges Treiben während vor den Augen der Besucher einem Karmann Ghia das 34 PS starke Boxerherz gezogen wird, die V8 Surfcars Ausstellung, organisiert von Helge Thomsen, dem Motor-Mann von Grip, bringt hawaiiane Träume an die Weser, die Clubs zeigen von der Isetta bis zur Wüstenente ihre Liebe zur automobilen Kultur und der PS Speicher verwöhnt die Augen mit einem unfassbar schönen Opel Admiral Reisekabriolett von 1939. Apropos Admiral – wir werden nach einem aufregenden Tag erinnert, langsam an Bord unseres Nachtquartiers zu gehen. Stilecht übernachten in einem echten Oldtimer. An der alten Schlachte hat es sich die erste „Alexander von Humboldt“, der grüne Segler aus der Beck´s Werbung eingerichtet und bietet Kojen mitsamt den Träumen vom weiten Meer. „Sail away, dream your dream“ - bevor es am nächsten Morgen wieder auf die Bremen Classic Motorshow geht, denn es gibt noch viel zu entdecken.   

 

Text - Ulf Schulz / Foto - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com


Der Duft der neuen 20er 
2020 prangte morgens in bedeutenden Zahlen 
auf dem Bildschirm des Handys. Ein neues Jahrzehnt und in den Tagen vor Silvester vernahm man den Ruf der goldenen 1920er Jahre in
Erwartung auf das, was das Erbe der Dekade
vor 100 Jahren vielleicht versprechen mag.
Die 1920er standen ab ihrer Mitte für den wirtschaftlichen Aufschwung und die Blütezeit
der deutschen Kunst, Kultur,Wissenschaft und Mobilität. Ein Zeitalter ungeheurer Innovationen und es scheint, als ob Leben und Mobilität untrennbar miteinander verbunden wären. Fahrzeuge wurden erschwinglich, kostete ein
Opel „Laubfrosch“ anfangs noch 4.500 Rentenmark, drückte das Fließband den Preis auf mittelständische 1.930 Reichsmark.
Mit diesen Gedanken und einer fixen Idee also raus in den klaren und kalten Neujahrsmorgen.
Scheune auf und da wartet sie schon – eine FN 350 Sahara von 1928 – das wird ihre Dekade – in 8 Jahren 100! Ihr gebührt die erste Ausfahrt der neuen 20er. Also Spritkanister her,
Vergaserdeckel auf und angießen, Choke öffnen und mit einem beherzten Tritt auf den Kicker knattert die „Moulin Rouge“, deren Beinamen sie der freiliegenden Schwungscheibe noch vor der Durchquerung der Sahara verdankte, los.
Sahara? Die französischen Offiziere Bruneteau und Gimie planten 1927 auf Motorrädern die 
Tanezrouff Wüste (ein Teilstück der Sahara) zu durchqueren und bis nach Dakar zu fahren. Was
heut klingt wie zwei hippe Werber, die ihren Job an den Nagel hängen um das große Abenteuer
zu suchen, war damals ein noch verrückteres Unterfangen als es das selbst heut noch mit
modernster Technik bei der Paris – Dakar ist.
Die M 70 war ein wirtschaftliches, technisch einfaches Modell, das später großen Absatz 
fand und eben zur Massenmotorsierung beitrug. Der seitengesteuerte 350er Blockmotor
mit 9 PS und integriertem 3 Gang Getriebe saß in einem Zentralrohrrahmen. Das Kraftstoffgemisch bestellte ein französischer Gurtner Vergaser, den Zündfunken
ein Magnetzünder von Bosch. Die Druid-Gabel führte das Vorderrad und verzögert wurde
die Fuhre von Klotzbremsen, welche, wie auch der Satteltank nebst aufgesetztem
Werkzeugkasten, bereits Mitte der 20er Jahre als antiquiert galten. Über eine Trommelbremse
durfte sich der
M70 Fahrer erst ab 1928 freuen.

Mit größeren Tanks, Tornistern und ihrem einzigen Begleiter, dem belgischen Mechaniker Joseph Weerens, der ebenfalls auf
einer M70 fuhr, starteten die drei Anfang April und bereits
nur zwei Monate später konnten sie die glückliche Ankunft in Dakar nach Hause melden! Wer nun denkt, die Monsieurs bestiegen zur Rücktour die Eisenbahn, liegt kräftig daneben. Von Dakar
ging es per Schiff nach Casablanca, von dort wieder auf Achse nach Oran, von wo per Schiff
nach Marseille übergesetzt wurde. Die Heimfahrt durch Frankreich endete nach 8.000 KM
wovon allein 6.300 KM durch die Wüste verliefen, im belgischen Herstal, einem heutigen
Vorort von Lüttich – dem Geburtsort der Fabrique Nationale (FN).
Der Stolz dieser Leistung fand von nun an im Beinamen der M 70 als „Sahara“ seine Würdigung
und ein wenig Pioniergeist liegt auch an diesem Neujahrsmorgen des neuen Jahrzehnts der Luft.
Mit beherzten Gangwechseln der Handschaltung und feinfühliger Zündverstellung geht es über
die brach liegenden Felder im Brandenburgischen. Die Knatterbüchse, ein Endschalldämpfer
der direkt vorn am Motorblock angesetzt ist, knattert seinem Namen zu Ehren durch die
jungfräuliche Stille des erwachenden Jahrzehnts, welches so frisch daherkommt, wie der
kalte Fahrtwind im Gesicht. Eine Frische die gern ein Jahrzehnt lang anhalten darf.

Text - Ulf Schulz / Foto - Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com

Eines der letzten echten 
Winterabenteuer - Planai Classic!

Bevor sich das alte Jahr bei den meisten wohlwärmend am Kamin in heimeliger Atmosphäre
verabschiedet, schrauben Alexander
Haller (29) und sein Co-Pilot Lukas Lechler
in ihrer Berliner Werkstatt die Nächte
hindurch. Denn kaum hat das neue Jahr angefangen, gehen am 3. Jänner 52 Autos an

den Start einer Rallye, bei der eben diese bis spätestens 1972 das Licht der Welt erblickt haben dürfen.
Jänner, weil sie die beiden dort, wo sie sich mit ihrem Riley 12/4 Special von 1936 an 
den Start stellen werden, die österreichische Planai mit ihrem Gipfel, 1.906 m über dem Meeresspiegel herausfordern wird. Zum wohl letzten echten Winterabenteuer.
Gerade für Flachlandtiroler wie Alex und Lukas sollte man meinen, wurden geschlossene
Bürgerkäfige mit ABS, elektronischer Schlupfreglung und beheizten Lederlenkrädern erfunden – die beiden Berliner allerdings, sind aus einem anderen Holz geschnitzt. Im letzten Jahr fuhren sie die Histo-Monte – mit ihrem offenen Riley. Und weil diese den Pneus schlicht
zu wenig Schnee bot, lechzten sie nach mehr der weißen Kristalle. Der Prospekt der
Planai-Classic versprach in schneereichen Bildern genau das, was die Jungs suchten.
Gedacht – getan! Winterausrüstung muss also her. Schneeketten für einen Riley von 1936? 
Der Teilelieferant verdreht die Augen und Alex baut kurzerhand aus Lederriemen und Kettengliedern 6 kleine Ketten je Antriebsrad, die er bei Bedarf einfach durch die Felgen
ziehen kann. Ein Satz Spikereifen ergänzt die Fuhre und schon geht’s auf die Autobahn in
die 850km entfernte Planai.
Als sie ankommen erwartet sie ein Tross aus Volvos, Käfern und Mercedes, ein einziger Wagen
unter Baujahr 1960 – ein formidabler Jaguar XK 140 SE aus 1954 – die Jungs grinsen – den Klassensieg in der Vorkriegsklasse wird ihnen wohl kaum einer nehmen. Aber für die
beiden geht es um mehr als gewinnen – sie wollen sehen wie sich ihr englischer Patient
mit seinen 1,5 Litern Hubraum aus vier Zylindern im Schnee anstellt und ob Querfahren auch
mit einem Vorkrieger Spaß machen kann. Wie sich herausstellen wird – es kann – mächtig
gewaltig!
Am späten Nachmittag des Freitags gehen die 52 Teilnehmer an den Start zur ersten 
Bergprüfung an der Dachsteinstraße. Ein Amuse-Gueule des Veranstalters mit dem,
was die Kontrahenten die nächsten zwei Tage erwarten wird – Schnee satt.
Unbeeindruckt aber mit einem Grinsen im Gesicht absolvieren unsere zwei Preußen die erste
Prüfung und finden sich am nächsten Morgen auf dem Alpenflugplatz Niederöblarn zur Sonderprüfung wieder. Lichtschranken scheint es, sind ihre Welt und so erarbeitet sich
das Duo bis zum Samstagnachmittag stolz den ersten Platz. Allerdings warten nun die Schnittprüfungen und die Traktion der Hinterräder treibt ein aberwitziges Spiel und gaukelt
dem Tacho mehr Kilometer vor als sie tatsächlich gefahren sind. Das kostet wertvolle Punkte obgleich das Wetter mitspielt und es bei der diesjährigen Planai Classic weniger geschneit
hat als die Jahre zuvor.
Entschädigt werden die zwei Männer in ihrer tollkühnen Kiste, als sie bei der Sonderprüfung 
am Sonntag auf der Trabrennbahn Gröbming von niemandem geringeren überholt werden, als vom Sohn des Bergkönigs – Hans-Joachim „Strietzel“ Stuck persönlich. Im VW Rallyegolf, der
außerhalb der Wertung fährt, schlittert „Strietzel“ in der Kurve der Trabrennbahn just in dem Moment am Vorkriegs-Riley vorbei, als dieser sich zum Drift anstellt. Striezel grinst,
winkt zum Gruß und weg ist er...
Und weil das Beste meist zum Schluss kommt, geht es nun an die zwei Läufe der 
Planai-Bergprüfung. Mensch und Maschine sind nochmals gefordert, der Riley schnurrt wie
geschmiert, die Fahrer dick eingepackt, einzig die Elektrik mag nicht mehr mitspielen und
versagt den Scheinwerfern den Dienst – typisch Engländer? Vielleicht, aber einer
Kontaktkorrosion, welche schnell behoben ist, hätte wohl auch ein deutscher Vorkrieger in der Eiswüste nicht widerstehen können und so kommt das Trio Infernale schlussendlich
als 25ster von 52 Teilnehmern breit grinsend ins Ziel. Den Klassensieg aber verdanken sie
ihrem Mut und dem wundervollen Gefährt welches sie die letzten drei Tage durch die Planai
befördert hat – die Welt braucht mehr Vorkrieger und echte Winterabenteuer!
Foto – Planai Classic / Text – Ulf Schulz / veröffentlicht auf oldtimerapp.com